Das Volk das im Dunkeln lebt sieht ein helles Licht

„Das Volk das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht,  über denen die im Land der Finsternis wohnen strahlt ein Licht auf.“

Dieser zentrale Text aus dem Propheten Jesaja inspiriert den adventlichen Impuls von Susanne Tillmann, Psychiatrieseelsorgerin in Wuppertal und Remscheid. So passt es für mich, diese Gedanken aufzugreifen und hier wiederzugeben:

Von Tag zu Tag werden die Tage nun kürzer und dunkler. Auch wenn man nicht unter Winterdepressionen leidet: Wer mag das schon? Manch eine*r genießt vielleicht ruhige Winterabende mit einem Buch in eine Decke gekuschelt oder auch das gesellige Beisammensein im Rahmen von Adventfeiern, mit Plätzchen, Punsch oder was auch immer.

Der letzte Advent war aber so ganz anders als sonst und der Winter, der kam, eine ziemliche Herausforderung für die meisten von uns: Auch, wenn nur manche von uns an Corona erkrankt oder in pflegender Rolle in Quarantäne zu Hause eingesperrt waren, die meisten waren allein oder in ihren Kontakten auf ihre nahen Menschen beschränkt.
Selten habe ich so viele Menschen von dem erzählen hören, was sie vermissen: Das freie Atmen (Maske), die Umarmungen, das angstfreie Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel, das Reisen in sonnige Länder oder in den Wintersport, den Chor, das unkomplizierte Treffen mit Freundinnen und Freunden, das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes, der Kommunionempfang, der Besuch der Mutter oder des Opas im Seniorenheim, Skatabende, Geburtstagsfeiern, die Arbeit… Vor allem zu Zeiten den Lockdowns im letzten Winter wurde vielen deutlich, was für sie im Leben wichtig ist.

„Das Volk, das im Dunkeln lebt…“ (Jesaja 9,1), so beschreibt ein Prophet vor langer Zeit die Lage seines Volkes. Unter dem Namen Jesaja haben verschiedene Propheten zu unterschiedlichen Zeiten ein Buch verfasst, das uns als eines bekannt ist. Die schönsten, lichtesten Stellen des Buches, sind zumeist zur Zeit des Exils geschrieben worden, in der das Volk Israel, verschleppt und unter Fremdherrschaft und Unsicherheit leidend, sich nach zu Hause sehnte. So geht man auch bei diesem Textstück davon aus, dass es im Exil eingefügt wurde und nicht wie die umstehenden Passagen schon vom ersten vorexilischen „Jesaja“ verfasst wurde.
„Das Volk das im Dunkeln lebt...“  Und dann heißt es weiter – und das finde ich spannend – „sieht ein helles Licht“ – und nicht nur „sehnt sich nach Licht.“  

Wie gelingt es vom „sehnen“ ins „sehen“ zu kommen?

Wie gelingt es aus dem Gefühl heraus, dass etwas Entscheidendes in unserem Leben fehlt, auch wenn wir manchmal gar nicht so genau wissen was es ist, es aber doch so eine Leere oder Unzufriedenheit in uns erzeugt, nicht nur sich nach etwas anderem zu sehnen, sondern dieses andere auch schon zu sehen? Etwas zu sehen, macht es konkret, nah, greifbar und schenkt konkrete Hoffnung. Nach dem Gedenken der Toten, kündet sich im Advent schon etwas Neues an. Sehen lenkt den Blick nach vorne, auf das was kommt. „Das Reich Gottes ist nah“ – nicht schon da, aber auch nicht unendlich weit weg.

Ist es verwegen, wenn ich jetzt schon, heute und hier vom Sehnen ins Sehen kommen will? Und wenn ich nichts sehen kann? Mir kommt ein Text von Johannes Lieder in den Kopf:

Dort 

Was uns erwartet
einst / hinter der Schranke
aus sichtloser Nacht?
Es macht einen Unterschied, 
ob ich zulebe / auf starre Winterkälte
oder hinlebe / auf laue Sommerabende,
ob ich ziellos wandere / ins Ungewisse
oder voranschreite, / in offene Arme. 
Was uns erwartet, / scheint mir ein Wir
wirkend von dort / jetzt schon im Hier.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Zuversicht auf unseren je eigenen Wegen, Menschen, die uns Mut machen, wenn unser Sehnen riesengroß und die Fähigkeit des hoffnungsvollen Sehens gering ist und eine lichtvolle Adventszeit!

Susanne Tillmann (Katholische Seelsorge am Tannenhof und in der Region Wuppertal) und 
Dr. Benedikt Peter (für die Seelsorge der Uniklinik Köln)

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